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Beklemmend real

Gelungene Theater-Premiere am Margarete-Steiff-Gymnasium

Fast wäre der Engel nicht nach Giengen gekommen, begrüßte Irmgard Pflüger im proppenvollen Saal des Margarete-Steiff-Gymnasiums das Publikum. Aber eben nur fast, denn Lena-Sophia Jahn konnte trotz eines Sportunfalls und ambulanter Behandlung im Klinikum auch mit dem Arm in der Schlinge als Bettler "Akki" in Friedrich Dürrenmatts "Ein Engel kommt nach Babylon" überzeugen. Sie glänzte durchweg mit temperamentvollem, geistreichem Spiel und legte viel Melancholie und Zynismus in ihre Rolle. Alle Mitwirkenden jedoch agierten mit treffsicherem Spielwitz und arbeiteten das Groteske, oft Derbe in diesem Stück heraus, das beklemmend an heutige politische Realitäten erinnerte.

Der Engel (Anja Satzger) brachte das Mädchen Kurrubi ins babylonische Reich des Königs Nebukadnezar, um den letzten Bettler zu treffen. Grischa Schelker spielte den Herrscher mit der Attitüde eines Konzernchefs: "Bettler sind alle im Staatsdienst und treiben die Steuern ein", rühmte er seine sozialen Errungenschaften. Aber er wollte sich auch als Bettler versuchen und wurde vom letzten trotzigen Vertreter des Standes, Akki, glatt ausgehebelt.

Kurrubi, herrlich schüchtern und sensibel von Elena Gridnew dargestellt, fühlte sich dem hilflosen "Bettler" Nebukadnezar zugeneigt. Akki bekennt überlegen: "Wer als Bettler in Not gerät, ist ein Dilettant" und König könne schließlich jeder sein. Dieser brüstet sich, ein "vollkommenes Reich ohne Bettler" erschaffen zu haben, nicht weil er "nach Macht, sondern nach Vollkommenheit" strebe. Dies hinderte ihn nicht, den Informationsminister aufzuhängen, weil er erfuhr. dass es noch zwei hauptamtliche Bettler im Staate gebe.

Recht turbulent und mit raschen Szenenwechseln arbeitete das sichtlich begeisterte Theaterteam. Bankier Enggibi, im Business-Anzug von Martin Kowalski herrlich raffzahnmäßig interpretiert, begeisterte ebenso wie Florian Merkel als polternder "Urgeneral" und Karoline Steinberger als heuchlerischer Obertheologe Utnapischtim.

Im Bettelwettstreit zeigte Akki seine Überlegenheit. Nur wer den Besitz verachtet, ist hier der Stärkste, deshalb sei das wertvolle Erbettelte "nichts wert, also in den Euphrat damit". Dies wirkt ansteckend, sogar der Bankier versucht sich besitzverachtend als Dichter.

Glänzend kamen im übrigen die musikalischen Einfälle von Mark Scheunert an der Gitarre. Martina Gallenmüller als laszive Hetäre und Lisa Merkel als vermeintlich ohnmächtiger Nebukadnezar-Vorgänger Nimrod, vom Souverän zur Fußstütze degradiert, würzten die Handlung mit unglaublichem komödiantischen Geschick. Ein Feuerwerk an Bonmots begleitete das Geschehen, etwa: "Je vollkommener der Staat, desto dümmere Beamte braucht er". Dem wäre eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, aber es durfte weiter genüsslich geschmunzelt werden.

Akki sollte gehängt werden, doch er tauscht die Rolle mit dem Henker (Julia Mack), der dem Bettler zuvor erklärte, die Laternen vor dem Palast seien den Mitgliedern der Regierung vorbehalten. Kurrubi will nicht Königin werden, sie bevorzugt Nebukadnezar als Bettler wie am Beginn. Der will davon nichts wissen und es kommt zum Tumult. Doch das Mädchen Kurrubi stirbt nicht am Galgen, denn Akki ist in die Rolle des Henkers geschlüpft. Die Erzministerin, - herrlich staatstragend-opportunistisch - Juliane Renner, fürchtet einen Systemwechsel nicht, sie hat vorsorglich schon eine republikanische Verfassung ausgearbeitet.

Eine bunte und wilde Sache, prickelnd und begeisternd, dazu mit gekonnt gestalteten Masken von Nadja Baloscheskul, Melissa Eberhard und Martina Gallenmüller. Irmgard Pflüger und Co-Regisseur Felix Rieckmann freuten sich ebenso wie das begeistert klatschende Publikum über die gelungene Premiere.

Hans-Peter Leitenberger

(Heidenheimer Zeitung - Samstag, den 05. Juli 2008)