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König der Könige, Ärmster der Armen

"Ein Engel kommt nach Babylon": Theater-AG des Giengener Margarete-Steiff-Gymnasiums bringt reizvollen Dürrenmatt

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Immer wieder, man kann sich bei Irmgard Pflüger darauf verlassen, ist am Giengener Margarete-Steiff-Gymnasium theatermäßig etwas zu entdecken. Diesmal war es, mindestens, zweierlei: Erstens ein schöner, unbekannter Dürrenmatt. Und zweitens die exemplarische Einsicht in das pädagogische Vermögen, aus einer ziemlichen Malaise einen über Strecken fast schon prickelnden Theaterabend machen zu können.

"Ein Engel kommt nach Babylon" heißt das 55 Jahre alte Stück des Schweizer Dramatikers, das Menschheitsmythos (Babylon) und beispiellose Hybris (Nebukadnezar) verbindet mit der Gestaltung sozialen und psychischen Elends. Eine "fragmentarische Komödie" hat Friedrich Dürrenmatt sein aus dem Kanon längst verschwundenes Stück benannt; und bei der Giengener Theater-AG gerät es streckenweise gar zur Farce. Und die anderthalbstündige, kompakte Inszenierung wird zu einem speziellen Erlebnis, weil Lehrerin Irmgard Pflüger vorab dem Publikum die spezielle Dramatik der MSG-Theater-AG erläutert hat.

Denn die Darstellerin der zweiten Hauptrolle musste am Premierentag noch mit dem Krankenwagen ins Hospital - Sportunfall! Premiere fällt aus? Die gegebenenfalls unermüdliche Pflüger (die die Theater-AG leitet mit dem Kollegen Felix Rieckmann) sah sich um nach Ersatz und konnte einen "Gast aus Heidelberg" auftreiben, der die Rolle "wenigstens lesen" hätte können. "Doch Lena-Sofia ist jetzt doch da", mit Armverband. Und nach dem Schlussbeifall kann man Irmgard Pflüger verstehen: Maßgebliches hätte gefehlt - nichts weniger als die beste und eine sehr gewinnende Darstellerin. Die Erleichterung nach der gelungenen Premiere war mit Händen greifbar.

Die gymnasiale Aufführung gefiel als Ensembleleistung; drei Akteure aber beeindruckten darüber hinaus. Da war besagte Lena-Sofia Jahn als Bettler Akki, die einzige souveräne, selbstbestimmte Gestalt im Stück ("Ich bin, was mir gefällt") - zwischen Volk, Oberen und König der Könige. Und da war Grischa Schelker in der schwierigen Rolle des Nebukadnezar, König von Babylon, der aber doch als temporärer Bettler wie als "trauriger, verzweifelter, einsamer" Herrscher ("Die Welt ist von mir erobert!") das Engelwesen Kurrubi zugewiesen bekommt - das das Elend im Machtmenschen aber nicht erkennt.

Und da ist, drittens, der Engel, der Kurrubi nach Babylon bringt: Anja Satzger gewinnt Herz und Aufmerksamkeit des Publikums mit einem ähnlich offen-selbstsicheren und doch in der Rolle aufgehenden Lächeln wie Lena-Sofia.

Das Stück musste, verletzungsbedingt, am Premierentag noch umgestellt werden; darauf mag manche zusätzliche Unsicherheit zurückzuführen sein. Aber all das störte überhaupt nicht: Die Theater-AG hatte sich an einem ebenso schwierigen wie reizvollen Stück versucht. Und es ganz offensichtlich gedanklich gut bewältigt. So hat sich das dem Publikum vermittelt - so war es gut!

Manfred Allenhöfer

(HNP-Kulturspiegel - Mittwoch, den 02. Juli 2008)