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Plädoyer gegen die schnelle Meinung

Sehr eindrucksvoll: "Die 12 Geschworenen" am Margarete-Steiff-Gymnasium

Leicht gemacht hat es sich die Theatergruppe am Margarete Steiff-Gymnasium Giengen noch nie. Und gerade in diesem Jahr hat sie sich einer ganz besonderen Herausforderung gestellt, denn ,,Die zwölf Geschworenen" ist kein aktionsreiches Stück, sondern ein Psychogramm, das im berühmten Film nicht zuletzt dank der Möglichkeit des Schnittes an Spannung gewinnt. Als Bühneninszenierung aber läuft es Gefahr, allzu statisch zu werden und damit den Spielern mehr abzuverlangen, als sie aufgrund ihrer Erfahrung leisten können.

Doch mit nur einem Kunstgriff war diese Gefahr beseitigt, wie die Premiere der Inszenierung am Dienstagabend eindrucksvoll bewies: Die Regisseure Irmgard Pflüger und Felix Rieckmann verlagerten einfach den Spielraum von der Bühne mitten unter die Zuschauer - und schufen damit im wahrsten Sinne des Wortes mehr Spielraum für die Spieler, mehr Spielraum zum Mitdenken im Publikum.

Die Spieler wussten dieses Mehr an Raum hervorragend zu nutzen: Wie die Geschworenen in der Diskussion um die Todesstrafe für einen Angeklagten von der bloßen Nummer zur Persönlichkeit mit allen Schwächen und Zweifeln aufstiegen, das war nicht nur von Anfang bis Ende fesselnd und spannend, sondern auch sehr überzeugend und konsequent ausgespielt vom gesamten Ensemble.

Wenn sich etwa die Haltung und die Stimme einer alten Dame mitsamt deren zitternden Hände und zuckenden Gesichtszügen, der Akzent einer Migrantin oder der oberflächliche stets witzelnde Tonfall durchweg über die Dauer von 90 Minuten ohne Pause, ohne Abgang und auch noch inmitten der Zuschauer durchzieht, das nötigt angesichts der Jugend der Spieler vom Neuntklässler bis zum Abiturienten jede Menge Respekt ab.

Wie sehr sich jeder Spieler mit seiner eigenen Rolle auseinandergesetzt haben muss, das zeigt das durchgängig intensive Spiel, das angesichts der Wortlastigkeit des Stückes doch nur in Gestik und Mimik möglich ist. Souveräne Gelassenheit selbst im Zweifel mit aufblitzenden fanatischen Zügen, kühle Gewinnorientiertheit, wütende Ohnmacht angesichts eigener Erfahrungen - den vielschichtigen Charakteren wird hier sehr gut auf den Grund gegangen, um sie sodann sehr lebendig und glaubhaft darzustellen.

Der Zuschauer, ohnehin inmitten des Geschehens, kann sich der Wirkung der spannungsgeladenen Diskussion der Geschworenen zu keinem Zeitpunkt entziehen. Stets ist auch er, wie die Geschworenen, hin- und hergerissen in seiner Ansicht und sieht sich selbst auch stets der Frage ausgesetzt, wie er denn wohl entscheiden würde. Die Inszenierung wird damit auch zum Plädoyer gegen die schnelle Meinung und für die durchdachte, gefestigte Haltung und packt dabei den Zuschauer schon wieder bei der eigenen Nase. Und nutzt damit den Spielraum, vom bloßen Spannungsträger, der hier ohne Frage gelungen serviert wird, zum Impulsgeber zu werden, der den erhobenen Zeigefinger gar nicht nötig hat.

Der Applaus, den es für diese eindrucksvolle Leistung gab, war mehr als verdient. Der Theatergruppe bleibt zu wünschen, dass noch viele Besucher sich von dieser Qualität überzeugen lassen - und dass auch in Zeiten des Turbo-Abiturs genügend Spielraum für derlei Aktivitäten bleiben möge.

Marita Kasischke

(Heidenheimer Zeitung - Donnerstag, den 02. Juli 2009)