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Leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz

"Im Zweifel für den Angeklagten" - einen zweifellosen Erfolg feierte aber die Theater-AG am MSG Giengen mit ihrem Justizdrama.

Zum 50-Jahre-Jubiläum des Giengener Margarete-Steiff-Gymnasiums hat sich die dortige Theatergruppe etwas Besonderes einfallen lassen: Horst Budjuhns Version des Film- und Bühnenklassikers "Die zwölf Geschworenen" nach Reginald Rose stammt aus dem Jahre 1959 - und ist damit ungefähr genauso alt wie die Schule. Nun war Premiere für die diesjährige Inszenierung der Theater-AG.

Die Originalversion des Stückes selbst wurde im Jahre 1954 geschrieben. Reginald Rose bringt darin seine zwiespältigen Erfahrungen mit dem amerikanischen Rechtssystem zum Ausdruck. Mithilfe von moderner Kleidung, Sprache und Requisiten - während der Vorstellung klingelt bei einem der Geschworenen schon auch mal das Handy - überführt die Theater-AG unter Leitung von Deutschlehrerin Irmgard Pflüger und ihrem Kollegen Felix Rieckmann die Handlung in die heutige Zeit.

Die Schauspieler sitzen an kleinen Tischen im Saal verteilt - das Publikum rund herum und mittendrin. Die Mitwirkenden befinden sich während der ganzen Vorstellung auf der Bühne. Und anstatt zu Beginn das Licht zu löschen, ist es hier genau umgekehrt: Grelles Deckenlicht betont den Charakter eines Besprechungszimmers, in dem die zwölf Geschworenen sozusagen "festsitzen" und ihr Urteil fällen sollen.

Der Fall ist schnell zusammengefasst: Ein schon bei der Polizei auffällig gewordener 19-Jähriger aus der Unterschicht soll seinen Vater ermordet haben. Zwei Zeugen stützen die Anklage. Alles scheint hieb- und stichfest, sogar die Tatwaffe, ein besonderes Messer, kann bis zum Angeklagten zurückverfolgt werden.

Der größte Teil der Geschworenen erscheint zu Beginn gelangweilt bis genervt. Fast alle hätten etwas Besseres zu tun und möchten ihre lästige Pflicht möglichst schnell hinter sich bringen - schließlich findet am Abend noch ein Baseballspiel statt. So muss möglichst schnell ein einstimmiges Urteil her, damit alle wieder zum Alltag übergehen können.

Da passiert das Unerwartete: Einer der Geschworenen stimmt "nicht schuldig". Geschworener Nr. 8 hat Zweifel an der Schuld des Angeklagten und möchte über den Fall sprechen. Er möchte gerecht sein und alle Seiten beleuchten. Schließlich droht dem Angeklagten die Todesstrafe. Im weiteren Verlauf des Stücks wird nun die Leistung der jungen Schauspieler besonders deutlich: Die unterschiedlichen Charaktere der Geschworenen werden eindrucksvoll herausgearbeitet, Meinungsfindung und -änderung überzeugend entwickelt und dargestellt. Alle Darsteller beherrschen ihren Part, ihre Charaktere erscheinen niemals statisch.

Besonders herauszustellen ist dabei sicherlich die Leistung Martin Kowalskis in der Rolle des Geschworenen Nr. 8, der die Zweifel der anderen an der Schuld des Angeklagten schürt. Auch Lena-Sofia Jahn gibt als Geschworene Nr. 9 überzeugend eine lebenserfahrene, feine ältere Dame, die stets ausgleichend wirkt und klug argumentiert. Elena Gridnew als Nr. 11, die anfangs sehr unsichere Emigrantin aus Osteuropa, besticht ebenfalls durch gutes Spiel. Sie pocht auf die amerikanischen Ideale von Demokratie, die sie in die USA geführt haben.

Eine Vielzahl von Emotionen, ja Aggressionen, tritt hier zutage, während immer mehr der Geschworenen Zweifel an der Schuld des Angeklagten bekommen: Vorurteile, Wut, persönliche Enttäuschungen, Hass, Selbstsucht, Opportunismus, Intoleranz, Gleichgültigkeit und Heuchelei. Dem gegenüber stehen die besonnenen, einfühlenden, abgeklärten und auch mutigen Äußerungen einiger weniger, die dennoch eine Gruppendynamik in Gang setzen, die der Zuschauer fasziniert verfolgt. Zwar ist das Ende des Stückes schon ziemlich schnell zu erschließen, trotzdem hält sich die Spannung.

Den Schülern gelingt ein eindringliches, leidenschaftliches Plädoyer: für mehr Toleranz, Demokratie und Zivilcourage, gegen Voreingenommenheit und Vorverurteilung.

Antonia und Andrea Meint

(Heidenheimer Neue Presse - Freitag, den 03. Juli 2009)