Kopie von theater2011_03.jpg
Theater2010_03_neu.jpg
tgesch098.jpg
Kopie von babylon_1.jpg
wind2.jpg
So geht Fo

"Was soll die Farce?" Theater-AG des Steiff-Gymnasiums hatte Premiere mit einem "irren" Stück von Dario Fo

Chaos, absolutes Chaos - und das hochartifiziell. Wie soll man das nun einigermaßen luzide beschreiben?

Die Theater-AG des Giengener Steiff-Theaters spielte wieder einmal ein Stück von Dario Fo: "Er hatte zwei Pistolen und seine Augen waren schwarz und weiß" - als berufsfinale Inszenierung für Irmgard Pflüger, die die MSG-Theater-AG seit 34 Jahren leitet. Und das, gerne schon mal vorab, als ein würdiges, weil kunstvoll verwirrendes Bühnengeschenk an eine hochverdiente, ebenso kluge wie empathische und kreative Pädagogin.

In Fos 51 Jahre altem Stück weiß man, wenn es mal auf Touren gekommen ist, nie, woran man ist. Und es geht, im Laufe der knapp zweistündigen, pausenfreien Inszenierung, immer toller zu. Das auf einem prinzipiellen Plausibilitäts-Fundament rotieren zu lassen, ist eine Kunst. Zunächst die des Autors, dann aber auch die der Inszenierungsverantwortlichen - und ihres Personals auf der Bühne.

Man traut sich kaum heran ans Anreißen des Inhalts, zu wirr wirkt alles, was man als fassliche Inhaltsangabe in ernsthafte Sätze gießen möchte. Vielleicht so viel: Das Stück beginnt in einer Irrenanstalt. Und man ist sich nie sicher, ob man die im Laufe der Handlung nun auch verlassen hat.

Ein Mann, Giovanni, hat das Gedächtnis verloren - angeblich. Simuliert er, um den Schlächtereien des Ersten Weltkriegs entkommen zu können? Und es gibt da einen zweiten Giovanni, gleich gewandet und perückt - "verrückt" gleichwohl ist er nicht in gleichem Maße - vielleicht. Ist er ein Gauner? Oder der andere ein Priester? Wer ist wer? Und mit welcher Absicht?

Und dann ist da eine Frau, Luisa, die den ersten als ihren "Mann" ausgibt, obwohl sie doch anderweitig verheiratet ist. Und die den anderen "Giovanni" ebenso akzeptiert.

Die "irren" Anfänge steigern sich in wirre Folgehandlungen, die als wichtige Figuren unter anderem eine Kommissarin als Vertreterin eines (bei Fo natürlich höchst korrupten) Staates aufbieten, einen Gauner (der, ein bisschen die Drei-Groschen-Oper adaptierend, zu einem "Ehrlichkeits"-Streik aufruft) oder Priester, die bei Fo natürlich besonders lustvoll ihr Fett abbekommen.

"Was spielst Du da für ein Theater?", fragt Luise einmal ihren Giovanni - eigentlich ganz programmatisch. Und der Wachtmeister fragt ein anderes Mal: "Was soll diese Farce? Willst Du mich verarschen?"

Genau dieses szenisch zu potenzieren, ist Anliegen des Literaturnobelpreisträgers von 1997. Und das dann so auf der Bühne zu realisieren, dass das Publikum das zwei Stunden lang ebenso konzentriert wie heiter verfolgt, ist eine weitere Leistung in der 34-jährigen Schultheater-Erfolgsgeschichte von Irmgard Pflüger - die seit Jahren, das darf man nicht unterschlagen, dabei aktiv unterstützt wird von ihrem Kollegen Felix Rieckmann.

Das Stück beginnt schon, mit Nachdruck Schmunzeln und Staunen machend, bevor es wirklich beginnt: Vor und auf der Bühne mit herrlich wach und konzentriert spielenden und auch improvisierenden "Irren". Das prolongiert das "irre" Geschehen des Stücks in den Raum, ins Publikum also, ebenso wie in die Zeit: War's nicht schon immer so? Da ist viel stimmige Action zu erleben, ein menschliches Affentheater fast, in dem nur Laute zu hören sind und keine Worte.

Das alles endet, die Absurdität des Bisherigen noch übertrumpfend, in der Forderung, Eigentumsdelikte und weitere Gaunereien in der Verfassung unter den Schutz des Staates zu stellen. So ist Fo. Und das mitreißend umgesetzt zu haben, ist für ein Schultheater eine reife Leistung.

Die Akteure waren, Pflüger verkündete es vorab, "im Premierenfieber". Aber auch ohne diesen Hinweis wären Patzerchen und Unsicherheiten der Spieler nicht wirklich negativ verbucht worden - das gehört, zumal auf solchem Niveau, schlicht zur Lebendigkeit schulischen Theaters. Stellvertretend für das knapp 20-köpfige, sehr engagierte und konzentrierte Ensemble seien hier die drei Hauptakteure Patrick Neumann, Lena-Sofie Jahn (kurzfristig eingesprungen!) und Tina Gorjan hervorgehoben.

Die Inszenierung ist sorgsam erarbeitet, man merkt das an vielen Details - spielerisch (auch pantomimisch) wie musikalisch oder bei Accessoires wie schießenden Bananen oder Wäscheklammern am Landkleid. Die Inszenierung spart auch Slapstick und Klamauk nicht aus. Und gelegentliche spielerische wie sprachliche Defizite nicht kaschierend, sondern schultheater-mäßig zu integrieren, das ist, es sei gerne wiederholt, eine reife künstlerische und pädagogische Leistung.

Ein ebenso würdiger wie lustvoller, elaborierter wie lockerer Abschied für die jahrzehntelang tiefgründig und doch gelassen pflügende Meisterin des Schultheaters, die weiß, dass ihre schultheatralische Arbeit oft ein Leben lang nachwirkt.

Manfred Allenhöfer

(Heidenheimer Zeitung, Heidenheimer Neue Presse - Dienstag, den 12. Juli 2011)